
Gedanken
nach 60 Gigi-Ausgaben, März 2009
Wo
die SED-Millionen sind? Gigi hat die Knete. So lautet jedenfalls eines
der schönsten Gerüchte über unsere Redaktion. Manche Leute
können sich einfach nicht vorstellen, daß ein nicht-kommerzielles
Projekt anders überleben kann als mit Schwarzgeld. Glaubt wirklich jemand,
wir täten uns in einem Berliner Hinterhofbüro seit nunmehr zehn
Jahren den Streß ehrenamtlicher redaktioneller Arbeit an, hätten
wir irgendwo ordentlich Zaster gebunkert? Wenn, dann würde uns dazu schon
was einfallen. Nix mit Sex unter Palmen oder Rudelbums in Acapulco. Eher würde
Gigi monatlich erscheinen, vierfarbig, mit hundertzwanzig Seiten
und lukrative ganzseitige Werbeinserate von Pharma-, Auto- und Chemiekonzernen
mit noch größerer Freude als bisher zurückweisen.
Noch
ein Gerücht: Gigi steht auf Kindersex. Schön wärs,
klappt aber nicht. Das Durchschnittsalter der Redaktion liegt bei knapp über
vierzig. Welcher Schokoladenonkel nimmt einen da noch mit? Physiotherapeuten
sind in unserem Gebrauchszustand wirklich verlockender.
Wie
man bei Gigi anheuert? Gar nicht. Man wird berufen. Von ganz oben.
Vom wissenschaftlich-humanitären komitee (whk), dem Herausgeber, das
1999 auf die grandiose Idee verfiel, ohne finanzielle Ressourcen ein sexualpolitisches
Magazin unters weitgehend desinteressierte Publikum zu werfen. Das whk operiert
übrigens, wieder so ein Gerücht, mit Deckadressen und Tarnnamen.
Unerwartet klingelt also daheim das Telefon: Herzlichen Glückwunsch,
Sie wurden zur Gigi abkommandiert. Wir freuen uns, daß Sie die
Betreuung des nächsten Themenschwerpunkts übernehmen. Redaktionsschluß
ist der Fünfzehnte, wir erwarten vier Haupttexte bis spätestens
übermorgen. Und bitte richten Sie Autorin XY aus, sie möge diesmal
nicht mehr als dreißig Fußnoten pro Seite liefern, Papier ist
gerade knapp. Tirili! So ungefähr.
Was
man davon hat? Nichts. Okay, es kommt desöfteren lustige Post von Anwälten,
deren Mandanten sich vom Impressum in Ausgabe soundso entehrt fühlen.
Andere meinen, diese oder jene in Gigi zitierte Bemerkung nie und nimmer
gemacht zu haben, und wenn, so sei das doch schon so lange her. Das Sandmännchen
auf dem Cover? Sicher ein versteckter Aufruf zum verbotenen Kindersex! Man
gewöhnt sich dran, in der Schlange bei Aldi von Richtern mit Handschlag
begrüßt zu werden. Sind ja auch nur Menschen.
Drei
langjährige Begleiter vermißt Gigi. Claas Sudbrake, der
2003 von Freiburg aus die Gigi-Website re-launchte und heute im Rheinland
lebt, und in Berlin Ortwin Passon, der die Redaktion 2006 nach drei Jahren
verließ, aber zum Glück weiter für sie schreibt. Schmerzlich
wiegt der Verlust der Satirikerin Anne Köpfer, die im September 2001
just an dem Tag starb, als Gigi ein Journalistenpreis zugesprochen
wurde.
Die
überlebende Redaktion kanns eigentlich nicht leiden, verehrt zu
werden. Sparen Sie sich das. Wenn schon, verehrt sie lieber selbst. Christa
Reinig und Samanta Maria Schmidt etwa. Oder (nun ja) Agnetha und Frida. Und
Nina Simone. Schon wegen ihres Songs Mississippi Goddamn,
den sie einmal sarkastisch so ankündigte: This is a showtune, but
the show hasnt written for it, yet! Mit Mississippi war nicht
der Fluß gemeint, sondern der ärmste aller US-Bundestaaten.
Was Gigi ist? Vielleicht auch eine Showtune, für die die Show noch nicht geschrieben ist.