Auf Cuba geht Sex durch den Obstgarten. Ein Schicksal, erlitten von V. Grundmann
Ich
beneide meine Mitbewohnerin Nina. Rumselig kommt sie jede Nacht durch die
Tür gestolpert, bringt von draußen einen Schwung karibische Nachtluft
mit und krabbelt seufzend unter ihr Moskitonetz. Dabei plappert sie meist
vor sich hin, vorzugsweise darüber, welche Kneipen Havannas sie mit ihrer
neuen kubanischen Flamme diese Nacht unsicher gemacht hat. Gestern konnte
ich meine Neugier nicht mehr zügeln und platzte endlich mit einer Frage
heraus, die mir schon lange auf der Seele brannte: Sag mal, wie kommuniziert
Ihr Turteltäubchen eigentlich? Sie spricht nämlich das gleiche
halbfertige Spanisch wie ich, und Spanisch zu sprechen bedeutet auf Kuba nicht
unbedingt, sich verständigen zu können: Obwohl S-Laute und Wortendungen
nicht importiert werden müssen, sind sie offenbar trotzdem Mangelware.
Nina ficht das nicht an. Die Sprache der Liebe ist universal,
säuselt sie in ihr Kopfkissen. Dachssabber grummele ich in
das meine.
Die
Sprache der Liebe ist genau so lange universal, wie eine beliebige Anzahl
Menschen ganz genau wissen, daß sie unbedingt sofort miteinander ins
Bett steigen müssen. Sobald die Konditionen allerdings ein klein wenig
unklarer sind, funktioniert zwischen den verschiedenen Kulturen nichts mehr.
Gar nichts. Ich kann davon ein Lied singen. Nehmen wir zum Beispiel die kubanische
Porno-Salsa. (Auf diesen Begriff kamen Nina und ich, als wir das erste Mal
aufgefordert wurden, unsere Hüften öffentlich in einer Weise kreisen
zu lassen, die ich sogar im Bett nur an Sonn- und Feiertagen hinkriege. Alex,
Typ hoffnungsloser Nordeuropäer, spricht in diesem Zusammenhang von Fruchtbarkeitstänzen.
Ein gemeinsamer kultureller Background ist zum Lästern eben doch unerläßlich
...)
Unsere
kubanischen Freundinnen beginnen also gegen drei Uhr morgens sich mit den
Armen an der nächstbesten Wand abzustützen, den Hintern in den Raum
zu strecken und ihn gegen das ebenfalls kreisende Becken ihreR TanzpartnerIn
zu schwingen. Was daran so schwierig ist? Die männlichen Tanzpartner
hinterher wieder loszuwerden! Es ist völlig ausgeschlossen, daß
die Kubanerinnen mit allen ins Bett steigen, mit denen sie tanzen. So viel
Sex kann frau gar nicht haben. Demzufolge muß es einen Weg ohne brüske
Worte geben, noch während des Tanzens zu klären, ob zu mir, zu Dir,
im Treppenhaus, oder gar nicht. Nur welchen?!
Wenn
mich eine dieser kaffeefarbenen Halbgöttinnen fröhlich umarmt und
zur Begrüßung sanft auf die Wangen küßt, gerate ich
in Verlegenheit: Wie um Himmels Willen finde ich heraus, ob sie das noch mal
tun würde? Meine Körpersprache jedenfalls wird hier so gut verstanden
wie Hindi. Wörterbücher sind da bestenfalls nutzlos. (Wie zum Hohn
ziert meines auch noch die Aufschrift ¡Comuniquemos!) Wenn ich beispielsweise
gefragt werde, ob ich irgendwas Eßbares probieren möchte, schaue
ich mich inzwischen sehr genau um, ob wirklich Nahrung in Sicht ist. Auf Spanisch
geht nicht die Liebe durch den Magen, sondern der Sex durch den Obstgarten.
Ich kann schon keine Papaya mehr kaufen, ohne rot zu werden.
Die
Zahl der möglichen Fettnäpfchen geht schier ins Unendliche. Wer
hätte ahnen können, daß das hemmungslose Herumgeflaxe von
Celeste und Javier (sexiest couple alive) über die verschiedensten Möglichkeiten,
ihre Ehe zu brechen, in so gar keiner Weise ernst gemeint ist? Als Javier
mich eines nachts schon leicht lallend fragte, ob ich Lust auf seine Frau
hätte, konnte ich der Versuchung natürlich nicht widerstehen. Ich
machte mich daran, ihren entzückenden Hals anzuknabbern, um zu schauen,
was passiert. Es war beeindruckend. Ich hatte meine Lippen noch nicht auf
ihre Haut gesetzt, da bekam Javier eine ausgewachsene Panikattacke. Seither
läßt er uns beide nicht mehr allein in einem Raum.
Überhaupt
genieße ich inzwischen den Ruf der Hure von Babylon, (was sich mit den
traurigen Fakten so gar nicht deckt). Aber die Leute haben die unfaßbare
Angewohnheit, alles zu glauben, was ich ihnen erzähle. Mal ehrlich, wenn
mir jede neue Bekanntschaft nach fünf Minuten die Frage stellt, ob ich
einen Freund habe, was soll ich da antworten? Ich hatte schon so ziemlich
alle witzigen Einfälle durchprobiert, als mir dämmerte, daß
das hier als ganz normale Frage gilt. Wenn ich hingegen auf dem Höhepunkt
der erotischen Spannung frage, ob es nicht Zeit wäre, miteinander ins
Bett zu gehen, kippt die so angesprochene Person mit 99%er Wahrscheinlichkeit
vom Stuhl.
Hundertprozentig sicher ist nur Eins: Wer je ein brauchbares Handbuch interkultureller Kommunikation verfaßt, hat mindestens einen Nobelpreis verdient.